Der Begriff „Trauma“ steht ganz allgemein für eine „Verletzung“. Solch eine Verletzung kann auf vielen Ebenen stattfinden bzw. stattgefunden haben, sowohl physisch als auch psychisch.
Die meisten Menschen denken bei „Trauma“ an ein schreckliches Ereignis, das jemandem widerfahren sein muss. Auf Körperebene ist ein Trauma oft sichtbar – als gebrochener Knochen, als Bluterguss, als offene Wunde etc. Auf psychischer Ebene sind Verletzungen zumeist weniger offensichtlich. Tatsächlich wissen viele Betroffene gar nicht, dass bei ihnen ein Trauma vorliegt – etwa, weil sie sich nicht erinnern können, je so etwas wie ein „schreckliches Ereignis“ erlebt zu haben, weil sie glauben, ihr Erlebtes sei „halb so wild“ gewesen oder „normal“ oder weil sie kleinere und größere „Schwierigkeiten“ auf Erkrankungen schieben, auf „Charakterzüge“, „Persönlichkeitsmerkmale“ oder „Macken“. Für Medizin und Psychiatrie wird Trauma erst dann zum Thema, wenn die „Arbeits- und/oder Liebesfähigkeit“ des Betroffenen messbar beeinträchtigt ist. Solange derjenige „funktioniert“ und „zurecht kommt“, wird kein Interventionsbedarf gesehen.
Dennoch lohnt es sich, eine Sensibilität für Trauma zu entwickeln und sich vor Augen zu führen, dass neuere Definitionen für „Trauma“ nicht mehr auf ein Ereignis abstellen, sondern auf die Frage, ob ein Ereignis dazu geführt hat, dass das Nervensystem des Betroffenen danach auf bestimmte Reize dauerhaft und autonom bzw. automatisch unflexibler reagiert, als es das vor dem Ereignis getan hat. Damit wird deutlich, dass ein Trauma in der Essenz eine Beeinträchtigung der Selbstregulationsfähigkeit des autonomen Nervensystems hervorruft und dass von einem Trauma nur dann gesprochen kann, wenn das passiert ist. Das Ereignis als solches spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Es kommt diesbezüglich nur darauf an, wie es individuell wahrgenommen wurde. Bedeutsam ist das vor allem in Bezug auf Ereignisse in der Kindheit, wenn das Nervensystem aufgrund seiner entwicklungsbedingten Unreife noch gar keine Selbstregulation „kann“ (mehr darüber unter Was ist ein Entwicklungstrauma).
Arten von Trauma
Es gibt verschiedene Trauma-Arten, die allein oder in Kombination auftreten können:
Schocktrauma
Das Schocktrauma ist das bekannteste Trauma und zugleich das, das tatsächlich an ein offensichtlich „schreckliches Ereignis“ geknüpft ist. Es kann Folge eines Unfalls sein, eines gewalttätigen Übergriffes, einer Katastrophe, eines Verlustes etc.
Entwicklungstrauma
Das Entwicklungstrauma ist das häufigste und am weitesten verbreitete Trauma. Es bleibt fast immer unentdeckt und unbehandelt, weil die allermeisten Menschen weder wissen noch ahnen, dass sie davon betroffen sind und in ihrem Leben mehr oder weniger gut zurechtkommen. Ein Entwicklungstrauma entsteht, wenn in unseren frühen Jahren Dinge geschehen, die nicht geschehen sollten und/oder Dinge nicht geschehen, die aber geschehen sollten. Wenn das dazu führt, dass das Nervensystem nicht voll zur Reife gelangen kann und insbesondere seine Fähigkeiten und Kapazitäten zu autonomer Selbstregulation nicht vollständig ausbildet, liegt ein Entwicklungstrauma vor.
Mikro-Trauma
Hierunter fallen Alltagsbelastungen, die ein Ausmaß annehmen, das der Organismus nicht mehr bewältigt. Jede einzelne Belastung für sich würde kein Problem darstellen, aber in ihrer Summe lassen die Belastungen die Überlebensprogramme des Körpers anspringen: Kampf, Flucht, Freeze (mehr dazu unter Was besagt die Polyvagal-Theorie). Wenn das zum Dauerzustand wird und der Organismus seine Selbstregulationsfähigkeit verliert, hat man es mit Mikro-Traumata zu tun.
Ein Trauma ist kein schreckliches Ereignis
Bei einem Trauma bleibt – salopp ausgedrückt – eine autonome Kampf-/Flucht- oder/und Freeze-Reaktion im Nervensystem steckten. Unser System merkt sich im Grunde, was es im Angesicht einer wahrgenommenen Gefahr getan hat, um unser Überleben sicherzustellen. Dieses Verhalten spult es völlig unabhängig von unserem Willen automatisch immer ab, wenn es durch irgendetwas in unserer Umgebung an das auslösende Ereignis erinnert wird. Diese Reize bzw. Sinneseindrücke speichert es genau wie seine Reaktionen. In einer Situation, die unserem System – warum auch immer – „bedrohlich“ erscheint, regelt es unsere Organfunktionen dann so, dass uns genau das Verhalten ermöglicht wird, das erforderlich ist, um die Situation bestmöglich zu überleben: Von der Adrenalinausschüttung über die Beschleunigung des Herzschlags und die Erhöhung des Blutdrucks bis hin zur Steigerung der Atemfrequenz zur Mehrung des Sauerstoffgehalts in unserem Blut. Sogar zu einem teilweisen oder vollständigen Kollaps (sogenannter Freeze-Zustand, „Totstellreflex“) kann es dabei kommen.
Wer sich wundert, warum er selbst oder jemand anderes in bestimmten Situationen scheinbar grundlos „austickt“, aus Mücken Elefanten macht, Panik schiebt oder einen Wutanfall oder – umgekehrt und unerklärlicherweise – nichts tut, obwohl er handeln sollte, findet den aus meiner Sicht wichtigsten Grund für sein Verhalten in einer traumabedingt situativ „unangemessenen“ Reaktion seines autonomen Nervensystems.
Ist Trauma immer behandlungsbedürftig?
Aus meiner Sicht nicht. Allerdings kann es sich sehr lohnen, das autonome Nervensystem bewusst dazu zu bringen, Reaktionen, die einem situativ nicht dienen, zu hinterfragen und neu anzupassen. Das gilt umso mehr, wenn wir es mit Babys, Kindern und Jugendlichen oder auch Hunden und Pferden zu tun haben. Kinder und Tiere sind auf unsere Fähigkeit angewiesen, autonom und automatisch „angemessen“ reagieren zu können, wenn Situationen „nicht einfach“ sind. Der Grund dafür liegt in dem, was „Co-Regulation“ genannt wird: Die Nervensysteme von Kindern und Tieren übernehmen situativ die Reaktionen der Nervensysteme ihrer Bindungspartner. Deshalb sehen wir im Verhalten unserer Kinder und Tiere so oft sprichwörtlich, wie es uns in der jeweiligen Situation geht.
Die gute Nachricht ist, dass jedes Nervensystem seine Fähigkeit zur Selbstregulation und seine Kapazitäten zur besseren Stressverarbeitung jederzeit verbessern kann. Der Prozess beruht auf Neuroplastizität. Der Begriff beschreibt, dass unser Nervensystem lebenslang und egal, wie alt wir sind, veränderbar ist. Neurosensorisches Training ist eine Herangehensweise, bei der Sie selbst desbezüglich das wichtigste Element sind. Den Erfolg fühlen Sie – bei sich und denen, die Ihnen anvertraut sind – und er fühlt sich gut an.
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